Swetlana Alexijewitsch unzensiert

Swetlana Alexijewitsch

Eine neue Auflage des Buches von Swetlana Alexijewitsch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erscheint ohne Schwärzungen


Der Moskauer Verlag „Palmira“ hat eine neue Auflage des bekanntesten Buches von Swetlana Alexijewitsch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ herausgebracht. In diesem Umfang erscheint das Buch zum ersten Mal. Swetlana Alexijewitsch hat nicht nur einige neue Episoden in den Text eingebaut, sondern hat mehrere geschwärzte Passagen, die in den 80-er Jahren durch Redakteure und Zensoren ihres Buches entstanden sind, wegretuschiert.

Swetlana Alexijewitsch musste die Arbeit an ihrem neuen Buch über die Liebe Arbeitstitel: "Herrlicher Hirsch, gejagt" unterbrechen, da, wie sie selbst sagt, das Thema des Krieges wieder aktuell ist.

„Im Grunde ist die Menschheit wieder in die Fehler der Vergangenheit verfallen“, stellt die Schriftstellerin fest. „Schauen Sie mal was für Kriegsenthusiasmus sich unter den Amerikanern breit macht, und dann noch dieser entsetzliche Krieg in Tschetschenien... Der Welt, die über den Krieg in der Männersprache spricht, soll etwas entgegengesetzt werden. Aus diesem Grund zeigten sich westliche Verleger an zwei meiner ersten Bücher interessiert "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" und "Die letzen Augenzeugen" und schlugen vor, ihre neue Auflagen in Deutschland, Frankreich, Italien, Japan und Russland herauszubringen. Ich glaube, es ist kein Zufall, denn diese Bücher, die über den Krieg aus der Sicht der Frauen und Kinder erzählen, die althergebrachten Vorstellungen vom Krieg, die geradezu zu einer Norm geworden sind, verwerfen.“

Nachdem Alexijewitsch ihre Bücher, die vor zwanzig Jahren erschienen sind, wieder gelesen hatte, wurde ihr klar, dass es eine Zumutung ist, diese Ausgaben ohne Abänderungen wieder aufzulegen.

„Ich habe sie doch zu Sowjetzeiten geschrieben und war auch in dieser Ideologie befangen“, sagt die Autorin. „Darüber hinaus arbeitete ich auch alle Jahre danach weiter an meinem Privatarchiv. Ich weiß jetzt, was mein Genre ausmacht, ein Punkt kommt hier nicht in Frage, es läuft alles auf Gedankenpunkte hinaus. Es ist wie bei Pasolini, der sagte, mein Selbstbildnis wird beendet, wenn ich nicht mehr da bin. Nachdem die erste Ausgabe von „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erschienen war, riefen mich meine Protagonistinnen an, schrieben an mich, mit mehreren habe ich mich getroffen. Außerdem sprechen sie heute ein bisschen andere Themen an - das Pathos ist weg, sie erinnern sich an menschlichere Dinge.“

In die neue Ausgabe des Buches „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ hat Swetlana Alexijewitsch nicht nur erweiterte Erinnerungen ihrer Protagonistinnen eingebaut sondern auch die Gespräche mit sowjetischen Zensoren, denen es zu verdanken ist, dass in ihren Büchern in den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehrere Stellen gestrichen wurden. Die Schriftstellerin hält beispielsweise das folgende Gespräch für „hübsch“

Zensor: „Wozu soll denn die ganze Biologie gut sein? Durch Ihren primitiven Naturalismus erniedrigen Sie die Frau. Die Frau, die Heldin ist. Sie nehmen ihr das Heroische. Sie machen aus ihr ein einfaches Weib. Ein Weibchen. Uns sind doch unsere Frauen heilig!“

Alexijewitsch: „Unser Heroismus ist steril, er kennt weder Physiologie noch Biologie. Man glaubt dem Heroismus nicht. Auf den Prüfstein wurde nicht nur der Geist, sondern auch der Körper gestellt, die materielle Hülle.“

Zensor: „Wo haben Sie denn diese Gedanken her? Fremde Gedanken. Nicht sowjetische. Sie machen sich über die lustig, die in den Massengräbern ruhen. Das haben Sie wohl bei Remarque aufgeschnappt. Diesen Remarquismus lassen wir uns nicht gefallen. Die sowjetische Frau ist kein Tier!“

Die Zensoren schwärzten russische wie weißrussische Ausgaben, Bücher- wie Zeitschriftenpublikationen. Die Zensur hat beispielsweise folgende Episode gestrichen:

„Vierzig Kilometer hinter sich gebracht... Mädchenbataillon. Hitze. Dreißig Grad. Vielen Mädchen läuft ... das ... Weibliche ... die Beine herunter. Man hat uns doch nichts gegeben, keine Mittel. Stehen am Wasser. Sehen den Fluss ... Und diese Mädchen, sie stürzen ins Wasser. Und die Deutschen am anderen Ufer fangen an zu schießen. Schießen sich gut ein ... Wir müssen uns doch waschen, wir schämen uns doch vor Männern ... Wir gehen nicht aus dem Wasser, und ein Mädchen stirbt dabei.“

„Wenn wir Gefangene machten, brachten wir sie in unsere Einheit ... Sie wurden nicht erschossen, ein solcher Tod wäre für sie viel zu angenehm gewesen. Wir stachen sie ab, wie Schweine, mit Spießen, wir zerschnitten sie in Stücke. Ich kam jedes Mal, um mir das anzuschauen... Ich wartete! Ich wartete, bis der Moment kommt, wo ihnen vor Schmerz die Augen zerplatzen ... die Pupillen ... Was wissen Sie schon davon?! Sie haben meine Mama und meine Schwestern auf einem Scheiterhaufen mitten im Dorf verbrannt ...“

Der Gerechtigkeit willen soll aber gesagt werden, dass auch die Autorin selbst ihre eigene „Schere“ beim Buch eingesetzt hat.

„Ich war ein Kind meiner Zeit, auch ich war von unserem Sieg hypnotisiert“, gibt Alexijewitsch zu. „Ich dachte, wenn ich ganz tief ins Innere der menschlichen Seele eindringe und sehe, was auf dem Grund ist, dann wird meine Weltanschauung eine Niederlage erleiden. Und die Welt an sich wird für mich nicht mehr so schön sein. Auch ich musste erstmal einen langen Weg zurücklegen, bis ich begriffen habe, dass der Mensch unterschiedlich sein kann. Damals liebte ich den idealen Menschen. Das haben wir eingehämmert bekommen. Vor dem realen Menschen hatten wir Angst. Auch ich. Deswegen habe ich beispielsweise eine solche Episode weggelassen:

„Wir sind in einen Kessel geraten ... Unter uns war auch unser politischer Leiter Lunin. Er las uns den Befehl vor, in dem stand, dass sich sowjetische Soldaten nicht gefangen geben dürfen. Bei uns, um mit dem Genossen Stalin zu reden, gibt es keine Gefangenen, es gibt Verräter. Die Jungs nahmen ihre Pistolen ... Lunin befahl: „Lasst das. Lebt weiter, Jungs, ihr seid jung.“ Danach erschoss er sich...

Und als wir dann zurück waren ... Da gingen wir grade zum Angriff über ... Und ich weiß noch, wie ein Kleiner auf uns angeschossen kam. Er sprang aus einer Erdhütte, aus einem Keller, lief auf uns zu und schrie: „Bringt meine Schwester um! Bringt sie um! Sie hat einen Deutschen geliebt ...“ Vor Angst waren seine Augen ganz rund. Seine Mutter lief ihm nach ... Sie lief ihm nach und schlug Kreuze um sich ...“

Jetzt hat Alexijewitsch diese und ähnliche Erzählungen wiederhergestellt. Parallel dazu hat sie eine neue Ausgabe des Buches „Die letzten Augenzeugen“ vorbereitet. Das sind Erzählungen von Kindern, die den zweiten Weltkrieg überlebt haben. Auch dieses Buch ist bereits erschienen. In nächster Zukunft werden auch ihre anderen bekannten Bücher erweitert und neu aufgelegt. Darunter „Tschernobyl: eine Chronik der Zukunft“ und „Im Banne des Todes“ über die Menschen aus Russland, die sich das Leben genommen haben. Eine Welle von Selbstmordversuchen machte sich in der zu dem Zeitpunkt bereits ehemaligen Sowjetunion gleich nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Utopie breit.


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