Menschen aus Minsk - Wladimir Korotkewitsch

Wladimir Korotkewitsch

Todestag von Wladimir Korotkewitsch


Wladimir Korotkewitsch, in Orscha geboren, hat seinen Abschluss an der Universität Kiew gemacht. Seinem Professor Adam Maldis zufolge, hat der künftige weißrussische Sienkiewicz bereits zu der Zeit verstanden, was Heimat heißt. Korotkewitsch sagte: „Wenn es nach mir ginge, würde ich jeden Schüler, in der neunten Klasse vielleicht, für eine Weile in ein anderes Land schicken, damit er die Sehsucht nach den seinen verspürt. Damit er zum Patrioten wird.“

Die erste größere Veröffentlichung Korotkewitschs, der Roman „Es darf nicht vergessen werden“ (der ursprüngliche Titel: „Die Leoniden kommen nicht mehr auf die Erde“) erscheint in der Zeitschrift „Polymja“. Kurz darauf erscheint in der Zeitung „Sowjetskaja Belorussija“ ein Artikel von Jakow Herzowitsch, in dem der Berufskritiker Herzowitsch dem Schriftsteller Korotkewitsch vorwirft, sein Werk sei lebensfremd, sekundär, der Protagonist und seine Freunde sind Formalisten, fernab jeglicher Realität interessieren sie sich kaum für die Inhalte unserer Kunst und seine ideologischen Hintergründe. Auch der Moskauer Rezensent Tschalmajew stimmt seinem Kollegen Herzowitsch zu. In Seinem Buch über Korotkewitsch schreibt Adam Maldis:

„Die Artikel von Tschalmajew und Herzowitsch wurden nicht als eine private Stellungnahme aufgefasst, sondern als eine richtungweisende Verordnung. Die Sache ist die, damals, Ende 1962, schlug der Kampf gegen den Formalismus hohe Wellen. Den Beginn machte der Besuch Nikita Chrutschows einer Ausstellung Moskauer Künstler, die er aufs schärfste kritisiert hatte. Es uferte aus und mündete darin, dass sich die Hexenjagd auf alle künstlerischen Verbände ausdehnte, darunter auch auf den Schriftstellerverband der Belarussischen Sowjetrepublik und auf das Institut für Literatur bei der Belarussischen Akademie der Wissenschaften. Korotkewitsch wusste Bescheid über alle Gründe und Hintergründe dessen, was sich damals abgespielt hat. Wenn er von seinen Reisen nach Moskau zurückkam, erzählte er immer ausführlich, was da los war. „Wieso hängst du heute durch, Wladimir?“, versuchte Bryl die Atmosphäre aufzubessern. „Pfeife auf sie alle und schreibe weiter an deinen Romanen. Über Boguschewitsch, wenn es schon drauf ankommt. Über seine Umgebung.“ „Ich fürchte, Alter, es ist der Anfang vom Ende. Ein Menetekel dafür, dass wir wieder zum Alten kehren. Zu demselben ...“

Korotkewitsch hat es kommen sehen, und so kam es auch ─ er wurde eines der ersten Opfer der Zeit, die nach der so genannten Tauwetterperiode kam und als Abkühlung bezeichnet wurde. Sein Roman „Die Leoniden kommen nicht mehr auf die Erde“ wurde nicht veröffentlicht. Wasil Sjomucha, der Redakteur des nicht herausgegebenen Buches, erinnert sich: „Der Grund für die Nichtveröffentlichung des Buches war die ominöse sowjetische Idiotie ─ der Titel passte nicht. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Zeitschrift „Polymja“ den Roman unter dem Titel „Es darf nicht vergessen werden“ veröffentlicht hat. Dabei hat man Korotkewitsch nicht einmal gefragt. Im Roman geht es um die Sternschnuppenströme ─ die Leoniden ─, die die Umlaufbahn der Erde alle 65 Jahre kreuzen. Der Chefredakteur bestand hartnäckig auf einer Änderung des Titels. Auf der Erde brillierte ja damals ein anderer Leonid ─ Breshnew. Dahinter vermutete man einen bösen Streich.“

Es kamen die 60-er Jahre, der Roman „König Stachs wilde Jagd“ wurde verlegt. Der Erfolg beim Leser beflügelte den Schriftsteller. Er bereitete seinen weiteren Roman „Die Ähren unter deiner Sichel“ zum Druck vor. Das Manuskript ließ er der Redaktion der Zeitschrift „Polymja“ zukommen. Zeitgleich las er einige Passagen seinen Freunden vor. Das Buch wurde begeistert aufgenommen und einer der Freunde schlug vor, den Roman selbst zu vervielfältigen, damit er auf diesem Wege in die Hände der Leser gelangen kann. Korotkewitsch war gegen alles Illegale und sagte: „Große heilige Taten vollbringt man mit offenem Visier“.

Im Jahr 1965 wurde der Roman „Die Ähren unter deiner Sichel“ doch in der Zeitschrift „Polymja“ veröffentlicht. Später kam die Frage nach einer Buchausgabe. Doch der Verlag hat im Manuskript so viele Korrekturen angebracht, es strotzte nur so vor lauter Ausrufe- und Fragezeichen, dass sich Korotkewitsch an den Kopf fasste und sagte: „Hol’s der Teufel! Ich werde da kein Komma ändern. Es sei denn, es wird bis ans Ende der Tage nicht veröffentlicht!“ Auf Drängen des Dichters Rygor Baradulin hin, der zu seinen engsten Freunden zählte, wurde Adam Maldis in die Korrekturarbeiten eingeschaltet. „Das, was wir damals Wladimir vorgeschlagen haben, war nur ein Theaterspiel. Wir wollten nur die Aufmerksamkeit ablenken“, erzählt heute Rygor Baradulin. Im Endeffekt wurden weniger bedeutende Passagen etwas gekürzt, die Wörter, die der Redakteur markiert hat, wurden durch andere ersetzt. Dank diesen Tricks konnte der Roman veröffentlicht werden.

Währenddessen ging Korotkewitsch im Medium Kino voll und ganz auf. Die nach seinen Drehbüchern gedrehten Filme „Die Erinnerung“, „Sei glücklich, Fluss“, „Die Zeugen der Ewigkeit“ kamen auf die Leinwand. Dafür aber wurde der Film „Christus landete in Grodno“ gnadenlos zerschnitten und in den Giftschrank gestellt. „Die Novellen aus dem Knast“, ein weiterer Film nach seinem Drehbuch, hat es nicht einmal bis zu den Dreharbeiten geschafft. Das Projekt wurde mal in Moskau, mal in Minsk abgelehnt. Seine Freunde sagten zu ihm: „Wozu brauchst du das Ganze? Diese Skandale, dieses ewige Auf-den-Knien-Rutschen, nur um eine einzige Episode zu retten? Arbeite doch in erster Linie an der geschichtlichen Thematik.“ Er erwiderte gereizt: „Es ist doch ein gewaltiges Medium! Ein Roman wird bei uns in Weißrussland von 10.000 im besten Fall vielleicht von 20.000 Leuten gelesen. Ein guter Film wird aber Millionen erreichen. Versteht ihr, wie groß die Möglichkeit ist, auf das Volk zu wirken, auf seine Würde, auf seine Erinnerungskultur.“

Korotkewitsch starb am 25. Juli 1984. Bei seiner Grabrede sagte Wassili Bykow: „Wir stehen mit ihnen vor einem weiteren Stein im leidigen Weg unserer Kultur, vor einem weiteren Symbol, das nicht nur für unseren Schmerz und unsere Trauer steht sondern auch für unseren Stolz. Es ist bereits jetzt klar und wir können es ohne weiteres sagen, hier ruht der große Mensch der Weißen Rus, der Apostel unserer Geistigkeit, der einzigartige Künstler des 20. Jahrhunderts Wladimir Korotkewitsch ... Wie viele von uns können von sich selbst behaupten, dass sie so wie er waren bei all den Missgeschicken, Versuchungen aber auch bei den Glücksmomenten, die ihm bisweilen zuteil werden. Unter uns hatte er kaum seinesgleichen. Er soll für uns ein Vorwurf und ein Beispiel sein.“

Korotkewitsh selbst sagte mal: „Wenn Gott ein Land bestrafen will, dann wird er diesem Land zehn herrliche Dichter schenken, um sie ihm daraufhin zu nehmen“. Die Aussage bezog sich auf die spanischen Dichter Federico García Lorca und Antonio Machado, doch sie trifft auch auf Weißrussland und auf ihn selbst zu


Sprachen

Englische Version
Russische Version

Werbung


- comercial -


Nützliche Links